


Die Baubranche gilt seit Jahrzehnten als eine der konfliktträchtigsten Industrien. Klassische Projektstrukturen sind geprägt von fragmentierten Prozessen, unklaren Verantwortlichkeiten und einer Kultur des gegenseitigen Misstrauens. Nicht selten endet dies in der sprichwörtlichen Suche nach dem Schuldigen, bei der Fehler und Mehrkosten zwischen den Beteiligten hin- und hergeschoben werden. Diese Situation wird zusätzlich durch eine schleppende Digitalisierung verschärft: Während andere Branchen längst auf durchgängige digitale Workflows setzen, dominiert im Bauwesen vielerorts noch die manuelle Mengen- und Kostenermittlung. Architektenpläne werden ausgedruckt, mit dem Dreikantmaßstab vermessen und in AVA-Programme übertragen – ein Verfahren, das zeitintensiv ist und eine hohe Fehleranfälligkeit aufweist.
Die digitale Transformation verspricht hier Abhilfe, doch stellt sich die Frage: Wie kann es gelingen, eine Branche, die in ihren Strukturen, Gepflogenheiten und Arbeitsweisen über Jahrzehnte verharrt ist, auf eine neue Stufe der Kollaboration zu heben? Und können insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die das Rückgrat der Bauwirtschaft bilden, diese Entwicklung überhaupt bewältigen? Laut statistischem Bundesamt erzielten kleinere und mittlere Unternehmen 2022 etwa 77 % des Umsatzes und beschäftigten rund 87 % der tätigen Personen. [1]
Ein zentraler Hebel liegt in der Stärkung von Kollaboration. Gemeint ist damit nicht nur die Zusammenarbeit innerhalb einzelner Büros oder Gewerke, sondern ein übergreifendes Miteinander entlang des gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks. ‚Building Information Modelling‘- (BIM)-gestützte Modelle bieten dafür eine wesentliche Grundlage, da sie eine „Single Source of Truth“ schaffen: Alle Beteiligten greifen auf denselben Datenbestand zu und reduzieren so Interpretationsspielräume und Doppelarbeit.
Digitalisierung im Bauwesen: Alle Beteiligten greifen auf denselben Datenbestand zu und reduzieren so Interpretationsspielräume und Doppelarbeit.
Dadurch entsteht eine neue Transparenz, die Konflikte von Beginn an reduziert. Streitigkeiten über Mengen und Kosten lassen sich vermeiden, wenn allen Projektbeteiligten dieselben Informationen zur Verfügung stehen. Kollaboration schafft ein gemeinsames Verantwortungsbewusstsein, das traditionelle Konfrontationen ersetzen kann.
Wo früher Abgrenzung dominierte, kann heute Vertrauen entstehen – ein Kulturwandel, der allerdings nicht allein durch Technik, sondern auch durch veränderte Arbeitsweisen und Mindsets getragen werden muss.
Gerade kleine und mittlere Unternehmen stehen vor besonderen Herausforderungen. Sie verfügen oftmals weder über die Ressourcen, um komplexe BIM- oder Plattformlösungen eigenständig aufzubauen, noch über eigene Expertinnen und Experten, die neue Prozesse und Workflows gezielt schulen, damit dieser feste Bestandteil der täglichen Arbeit werden. Gleichzeitig bilden sie den überwiegenden Teil der Akteure im Bauwesen. Der Eindruck, Digitalisierung sei eine Aufgabe für große Planungs- oder Baukonzerne, ist daher trügerisch.
Neue Werkzeuge und Plattformen senken jedoch zunehmend die Einstiegshürden. Cloudbasierte Lösungen und standardisierte Schnittstellen erlauben es KMU, digitale Prozesse schrittweise einzuführen, ohne sofort einen radikalen Systemwechsel vornehmen zu müssen. AVA-Programme, wie beispielsweise AVANTI von SOFTTECH, die sowohl 2D-Mengenermittlung auf Basis von PDF-Plänen als auch 3D-BIM-Workflows unterstützen, eröffnen eine Brücke zwischen traditioneller und modellbasierter Arbeitsweise. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob KMU den Wandel leisten können, sondern vielmehr, wie sich durch Kooperation und intelligente Tool-Auswahl Synergien schaffen lassen.
Cloudbasierte Lösungen und standardisierte Schnittstellen erlauben es KMU, digitale Prozesse schrittweise einzuführen, ohne sofort einen radikalen Systemwechsel vornehmen zu müssen.
Ein besonders vielversprechender Ansatz zur Überwindung der tradierten Fragmentierung ist die Integrierte Projektabwicklung (IPA). Dieses Modell basiert auf der frühzeitigen Einbindung aller relevanten Akteure und einer konsequenten Transparenz über Ziele, Kosten und Risiken. Anreizsysteme fördern das gemeinsame Projektergebnis anstelle individueller Vorteile, wodurch Planungsfehler und Nachträge signifikant reduziert werden können. Diese neue Methode gewinnt jetzt auch in Deutschland, wenngleich insbesondere bei Großprojekten, mehr und mehr an Relevanz. In den USA, in Australien und in Skandinavien gilt sie als etabliert. Europaweiter Vorreiter ist Finnland.
Doch nicht nur bei Großprojekten kann die digitale Transformation neue Perspektiven eröffnen, sondern genauso für kleinere Bauaufgaben. Die Frage, ob KMU solche komplexen Modelle tragen können, ist daher nicht allein eine ökonomische, sondern auch eine organisatorische. Plattformlösungen, die Kollaboration technisch und strukturell unterstützen, machen IPA und vergleichbare Modelle zunehmend auch im Mittelstand praktikabel. Regelmäßige Zusammenkünfte der Stakeholder können damit auf weniger Präsenz-Meetings reduziert werden. So besteht auch für kleinere und mittelständische Unternehmen mit weniger Personal die Option, an solchen Projekten zu partizipieren.
Besonders deutlich wird das Potenzial digitaler Plattformen im Bereich der Bauabrechnung. Kaum ein Prozess ist in der Praxis so konfliktbehaftet wie die Erstellung, Prüfung und Freigabe von Rechnungen. Mengenabweichungen, unklare Aufmaße und unterschiedliche Interpretationen führen regelmäßig zu Auseinandersetzungen zwischen Auftragnehmern, prüfenden Instanzen und Auftraggebern.
Plattformen wie beispielsweise GRAVA connect von SOFTTECH zeigen, wie sich diese Konfliktzone entschärfen lässt.
Alle Beteiligten arbeiten idealerweise kollaborativ auf einer gemeinsamen Datenbasis, die sowohl Mengen als auch Leistungen eindeutig dokumentiert. Die Integration von E-Rechnungs-Standards und automatisierten Prüfmechanismen beschleunigt den Prozess und schafft eine rechtssichere Grundlage. Statt Streit über Details steht die gemeinsame Realisierung des Projekts im Vordergrund. Damit wird nicht nur Zeit gespart, sondern auch Vertrauen aufgebaut – ein zentrales Gut in einer Branche, die traditionell von Auseinandersetzungen geprägt ist.
Die Nutzung digitaler Plattformen wie beispielsweise GRAVA connect von SOFTTECH eröffnet perspektivisch die Möglichkeit, diese Reibungspunkte systematisch zu reduzieren. Entscheidend ist dabei, dass alle Beteiligten auf eine einheitliche Datenbasis zugreifen und der Prozess der Mengen- und Kostenprüfung transparent und kollaborativ erfolgt.
Ein praxisnahes Beispiel verdeutlicht diesen Paradigmenwechsel: Ein Planer übermittelt die auf Grundlage des BIM-Modells ermittelten Mengen über GRAVA connect direkt an den ausführenden Unternehmer. Dieser kann die Angaben nicht nur einsehen, sondern im gleichen System kommentieren und etwaige Anpassungen dokumentieren. So wird aus einer potenziell konfliktträchtigen Schnittstelle ein gemeinsamer Arbeitsraum, in dem Abweichungen nachvollziehbar und konsensfähig behandelt werden.
Auch für die ausführende Seite bringt die Plattform erhebliche Vorteile. Statt aufwändige Nachweise in Form von Excel-Tabellen oder handschriftlichen Aufmaßen einzureichen, können Unternehmer ihre Aufmaße digital ins System eintragen, wo sie künftig durch den Prüfer validiert werden. Streit über Mengen oder Abrechnungseinheiten verliert damit seine Schärfe, da alle Informationen mit Historie im gleichen Kontext vorliegen.
So zeigt sich exemplarisch, wie aus einem klassischen Konfliktfeld – der Mengenermittlung und Abrechnung – ein integrierter Workflow wird, der Zeit spart, Transparenz schafft und Vertrauen fördert.
Alle Beteiligten arbeiten kollaborativ auf einer gemeinsamen Datenbasis, die sowohl Mengen als auch Leistungen eindeutig dokumentiert. Die Integration von E-Rechnungs-Standards und automatisierten Prüfmechanismen beschleunigt den Prozess und schafft eine rechtssichere Grundlage.
Die Zukunft der Bauwirtschaft liegt in integrierten Plattformen, die nicht nur vernetzen, sondern Arbeitsprozesse nahtlos verzahnen. Standardisierte Formate und Schnittstellen wie Industry Foundation Classes (IFC), BIM Collaboration Format (BCF), buildingSMART Data Dictionary (bSDD), Information Delivery Specification (IDS), GAEB[2] oder die E-Rechnung bilden das Fundament, auf dem eine neue Generation digitaler Ökosysteme entstehen kann. Parallel dazu setzt eine Konsolidierung im Softwaremarkt ein: Firmengruppen entwickeln zunehmend umfassende Portfolios, die Planung, Ausschreibung, Abrechnung und Betrieb aus einer Hand ermöglichen. Alles in allem rückt der Lebenszyklusgedanke, auch im Hinblick auf eine Umnutzung von Gebäuden, mit dem Ziel, ein kreislaufgerechtes Bauen zu fördern, stärker in den Vordergrund. Spezielle Austauschformate, teilweise aus anderen Industrien, existieren bereits und werden für die Belange des Baubereichs in Forschungsprojekten aktuell erprobt.
Der entscheidende Unterschied zu früheren Ansätzen liegt dabei in der Qualität der Integration. Nicht die bloße Verbindung einzelner Tools, sondern die optimale Verzahnung ihrer Funktionen potenziert den Nutzen für Anwender und Kunden. Kollaboration, Transparenz und Effizienz werden so nicht zu Schlagworten, sondern zu gelebter Praxis.
Damit wird deutlich: Der Weg vom traditionellen „Suche den Schuldigen-Spiel“ hin zu einer Kultur des Miteinanders ist längst keine ferne Vision mehr. Die technischen Grundlagen sind größtenteils vorhanden, einige Standardisierungen sind etabliert und neue Firmengruppen in der AEC-Branche haben begonnen, diese Voraussetzungen konsequent in integrierte Plattformlösungen zu überführen. Doch so wichtig diese Werkzeuge auch sind – der eigentliche Schlüssel liegt im kulturellen Wandel.
Erst wenn Projektbeteiligte bereit sind, eingefahrene Muster des Misstrauens zu verlassen und den Projekterfolg in den Mittelpunkt ihres Handelns zu stellen, können die Potenziale der Digitalisierung vollständig ausgeschöpft werden.
Gerade für kleinere Büros sind zusätzlich zu Auswahl und Implementierung passender IT-Systeme auch Weiterbildungen, insbesondere für Führungskräfte, empfehlenswert. Da die Verantwortung für Planende auch die Bauausführung umfasst und vice versa, sind Managementkompetenzen sowie Lean-Know-how von Vorteil. Durch eine neue Art der Projektabwicklung können sich im Unternehmen sogar ganz neue Rollen und Verantwortlichkeiten etablieren. Verstärkungen der Teams und gezielte Neubesetzungen für spezifische Aufgaben sind somit ebenfalls denkbar.
Das bedeutet, dass Beauftragung, Planung und Ausführung nicht länger durch Abgrenzung und Einzelinteressen bestimmt sein dürfen, sondern durch ein gemeinsames Verantwortungsbewusstsein aller Beteiligten. Das Projektteam arbeitet dann nicht gegeneinander, sondern miteinander – mit dem Ziel, für den Auftraggeber ein optimales Ergebnis zu schaffen. Wenn Termine, Qualitäten und Kosten eingehalten werden, entsteht nicht nur ein Bauwerk, sondern ein gemeinsamer Werkerfolg, der allen zugutekommt. Jeder erhält ein faires Stück des Kuchens, und am Ende können Auftraggeber wie Auftragnehmer gleichermaßen stolz auf das Ergebnis blicken. Erfahrungswerte bilden ein Fundament für neue Aufgaben in einem integrierten Projektteam.
Gerade darin liegt die eigentliche Zukunft der Bauwirtschaft:
Projekte werden nicht nur effizienter und transparenter, sondern auch harmonischer abgewickelt. Plattformen und Standards bilden hierfür die notwendige technische Basis, doch erst der kulturelle Wandel schafft den Nährboden für eine Branche, in der Streitpunkte minimiert, Vertrauen gestärkt und gemeinsame Erfolge sichtbar werden.
[1] Kleine und mittlere Unternehmen erzielten rund 77 % des Umsatzes im Bau- und Gastgewerbe - Statistisches Bundesamt
[2] Das GAEB-Format ist ein standardisiertes Dateiformat für den elektronischen Datenaustausch im deutschen Bauwesen, das vom Gemeinsamen Ausschuss Elektronik im Bauwesen (GAEB) entwickelt wurde.
GRAVA connect ist die cloudbasierte Softwarelösung für grafische Mengenermittlung und digitale Bauabrechnung. Die Anwendung richtet sich an Architekten, Planer, Kalkulatoren, Bauunternehmen sowie ausführende Gewerke und Handwerksbetriebe, die ihre Projekte effizienter und transparenter gestalten möchten.
Als Teil der SOFTTECH Produktwelt kombiniert GRAVA connect bewährte AVA-Standards mit moderner Cloud-Technologie – für eine zukunftssichere Planung und Abrechnung am Bau.

Als Head of Development vertrete ich SOFTTECH in den relevanten Arbeitsgruppen beim BVBS und bei buildingSMART. Wir treiben in den jeweiligen Gremien aktuelle Themen wie die Entwicklung einer "Information Delivery Specifikation" (IDS) für die modellbasierte Mengen- und Kostenermittlung, die Analyse des Rechnungsprüfungsprozesses von E-Rechnungen im Bauwesen, sowie den Austausch von CO2-Daten im GAEB-Format voran.
Sie werden per E-Mail über neue Blog-Artikel informiert. Eine Abmeldung ist jederzeit möglich.
Abonnieren Sie unseren Newsletter
Maximilianstraße 39
67433 Neustadt/Weinstraße
Entdecken & Lernen





Maximilianstraße 39
67433 Neustadt/Weinstraße
Entdecken & Lernen